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Ausser Dienst: Eine Bilanz

Ausser Dienst: Eine Bilanz

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Autor: Helmut Schmidt
Urheber: Helmut Schmidt
Verleger: Siedler

Kaufen Neu: EUR 22,95



Neu (84) Gebraucht (5) ab EUR 17,99

Bewertung: 4.0 von 5 Sternen 20 Rezensionen
Verkaufsrang: 5

Medium: Gebundene Ausgabe
Ausgabe: 5
Seiten: 352
Versandgewicht: 1.3
Maße (innen): 8.6 x 5.7 x 1.3

ISBN: 3886808637
EAN: 9783886808632
ASIN: 3886808637

Publikation: September 12, 2008
Verfügbarkeit: Gewoehnlich versandfertig bei Amazon in 24 Stunden

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Redaktionelle Rezensionen:

Aus der Amazon.de-Redaktion
Eine kuerzliche Umfrage ergab, dass, waere der Mann nicht definitiv zu alt, sich 80 Prozent aller Deutschen Helmut Schmidt als idealen Kanzler vorstellen koennten. Wenn dies, 25 Jahre nach dem Rueckzug aus allen politischen Aemtern, keine Auszeichnung ist! Der Altkanzler, dessen unglaublicher 90. Geburtstag bevorsteht, rangiert im Bewusstsein der Deutschen immer noch als Staatsmann par excellence. Und eine solch hochrangige Persoenlichkeit erlaubt es sich, eine „ausserdienstliche“ Bilanzierung seines politischen Erfahrungsschatzes vorzulegen. „Denn“, so Schmidt verschmitzt bescheiden, „vielleicht koennte doch einer von den Juengeren daraus einen Nutzen ziehen.“ -- Nichts waere mehr zu wuenschen, Herr Bundeskanzler!

Eines vorab: Es handelt sich hier nicht um die autobiografische Rueckblende auf ein politisches Lebens- und Gesamtwerk. Im Gegenteil. Schmidt, der Pragmatiker, moechte seine in aktiver Zeit gewonnenen Erfahrungen angesichts einer voellig veraenderten politischen Weltlage zur Verfuegung stellen. Immer im Gepaeck, die grossen philosophischen Fragen: Welchen Leitbildern sollten wir folgen? Was laesst sich aus Geschichte lernen? Im Spiegel gerade dieser Frage reflektiert der Altkanzler ueber die Unvorstellbarkeit eines Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan noch zu seinen Zeiten. Gelegenheit fuer einen historischen Ausflug und die noch immer problematische Stellung Deutschlands im politisch-militaerischen Weltgefuege.

Natuerlich holt der Wirtschaftsfachmann Schmidt zu einem satten Referat ueber die Finanzmaerkte aus. Beklagt wird die verschlafene „Modernisierung unseres zerkluefteten Bankensystems“, gewarnt wird vor Spekulantentum und Heuschreckenfluegen. Betrauert die grosse Zeit des von der RAF ermordeten Freundes Herrhausen und seiner Deutschen Bank. Institutionen, so Schmidt, an die sich eine Bundesregierung in oekonomischen Fragen noch vertrauensvoll wenden konnte. Wie anders heute. Der Kanzler wird (in Massen) privat. Erstaunt vernehmen wir, dass Schmidt die „Guillaume-Affaere“ als Ruecktrittsgrund Willy Brandts im Mai 1974 voellig inakzeptabel fand und ihm die eigene kuenftige Kanzlerschaft grosse Sorgen bereitete. Risiken und Chancen der Globalisierung. Der „Sonderfall“ der Neuen Bundeslaender. Die radikal veraenderte Rentensituation, die ebenso radikal veraenderte Massstaebe verlangt. Ein kleiner Seitenhieb auf Lafontaine und seine „Sekundaertugenden“. Eine Schulung bei den antiken Rhetorikern. Spurensuche nach eigenen Fehlern. In einem der letzten Saetze seiner klugen Reflexion appelliert der Altkanzler mit einer roemischen Weisheit an die heutige Politikerkaste: Im Zweifelsfalle sei das Gemeinwohl hoeherzustellen als die eigene Karriere. Um schliesslich witzelnd, aber nicht ohne Wehmut festzustellen: „Die meisten meiner Weggefaehrten haben schon endgueltig ihre Adresse gewechselt.“ - Das koennen Sie sich aus dem Kopf schlagen, Herr Bundeskanzler. Die Republik braucht Sie noch! -Ravi Unger


Kundenrezensionen:   Gelesen 15 mehr Rezensionen...

5 von 5 Sternen Ein Staatsmann mit Weitblick zieht seine persoenliche Bilanz   November 8, 2008
Joachim Weiser
2 aus 2 fanden die folgende Rezension hilfreich

Helmut Schmidt hat einmal gesagt, ein Autobiograf laufe immer Gefahr, sich schoener darzustellen, als er sei, und deshalb werde es von ihm nie Memoiren geben. Laut Untertitel handelt es sich bei seinem neuen Buch daher um eine Bilanz, nicht um Memoiren.

Altkanzler Helmut Schmidt hat im Vorfeld seines 90. Geburtstages sein neues Buch Ausser Dienst veroeffentlicht. Doch Schmidt ist alles andere als das. Als ehemaliger Bundeskanzler und Staatsmann mit Weitblick mischt er sich auch im hohen Alter in die Politik ein und kommentiert aktuelle Entwicklungen. Helmut Schmidt hat auch in diesem Buch wieder einiges zu sagen, haelt Rueckschau auf sein bewegtes Politikerleben und zieht dabei eine persoenliche Bilanz.

Ausser Dienst ist ein Werk der Rueckschau mit einer Prognose in die Zukunft sowie des panoramahaften Ueberblicks ueber mehrere Jahrzehnte politischer Zeitgeschichte - durch den Blick des Staatsmannes. Ueber weite Passagen beschraenkt sich Ausser Dienst jedoch nicht auf die Rueckschau, sondern beschaeftigt sich intensiv mit draengenden Zukunftsproblemen - vom internationalen "Raubtierkapitalismus" bis hin zum Aufbau Ostdeutschlands. Als wuerde der Autor noch fuer weitere Legislaturperioden Verantwortung tragen.

Helmut Schmidt verfolgt und analysiert gewohnt gekonnt mit sicherer Urteilskraft das politische Geschehen, kommentiert aktuelle Vorgaemge und gibt seine Ratschlaege. Er macht sich in dem Buch seine Gedanken ueber die historische Bedeutsamkeit des 20. Jahrhunderts (deutsche und europaeische Geschichte, EU etc.), dem Zustand und dem Fortwirken des 21. Jahrhunderts. Dabei stellt er immer den in der Verantwortung stehenden Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns und Wissens.

Der Staatsmann Helmut Schmidt stellt neben sittlichem Handeln, Verwantwortungs- und Pflichtbewusstsein den in der Verantwortung stehenden Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns. Er weiss dabei aufgrund seiner politischen Erfahrung und seiner sicheren Urteilskraft zu ueberzeugen. In seinen Vorschlaegen und Aeusserungen mit Weitblick wird stets der Vernunft und der Verantwortung im Bezug auf die zu erfordernde Moralitaet im gemeinschaftlichen Zusammenleben der Vorrang eingeraeumt, was ihn zu einer gewissen Vorbildfunktion charakterisiert - gerade im gegenwaertigen Zustand mangelnder Vorbilder.

Helmut Schmidt's Bilanz ist eine lesenswerte Mischung aus Grundkurs Politik, Erinnerungen und Einschaetzungen, religionsphilosophischer Meditation und einem bemerkenswerten Kapitel, in dem Schmidt ueber die eigenen Fehler nachdenkt. Es ist ein lebendiges Buch voller Gedanken und Erinnerungen, sorgfaeltiger Analysen und kleiner Anekdoten, ein Buch, das als die Summe eines reichen Politikerlebens gelten kann.



3 von 5 Sternen Nicht ganz der grosse Wurf   Oktober 28, 2008
IsraelJackson (Buechertownbeach)
2 aus 5 fanden die folgende Rezension hilfreich

Helmut Schmidt, der grosse alte Mann mit der Zigarette polarisiert natuerlich. Einer der wenigen Politiker der "alten" Bundesrepublik, die sich noch regelmaessig zu Wort melden. Oft wird ja angenommen, das neue Buch von Herrn Schmidt sei wieder so etwas wie eine Biographie. Na, das stimmt nur ganz zum Teil - natuerlich wird gerne auf Lebenserinnerungen zurueckgegriffen, besonders im ersten Drittel des Buchs, aber Schmidt berichtet in loser Reihenfolge und in der Form kurzer Essays ueber seine Erfahrungen, vor allem auch persoenlicher Art, die er in seiner langen Laufbahn als Politiker gesammelt hat. Er berichtet auch von Fehlern und Versaeumnissen und wendet sich auch besonders an junge Menschen in der Politik und gibt Ratschlaege. Das Buch ist immer in klaren, eher einfachen Worten abgefasst. Was manchmal aber auch ein bisschen oberflaechlich wirkt. Es werden viele Namen aufgezaehlt, die Schmidt beeinflusst haben, aber das Konkrete entzieht sich manchmal etwas. Beispiel: S.37 zur Rolle der Gewerkschaften, Banken, da heisst es, der Kontakt zur Wirtschaft sei "wichtig", das ist aber dem Leser sicher keine grosse Neuigkeit und solche Binsenweisheiten sind leider ziemlich haeufig im Buch. Andere Sachen aus den 50er/60er Jahren sind aber auch zeitgeschichtlich interessant, z.B. die Story mit dem Atomminenguertel in Deutschland oder dem Flughafenprojekt bei Hamburg. Es mag zwar etwas trivial klingen, was z.B. ueber das angebliche (mangelhafte) Wissen der Deutschen ueber ihre Nachbarlaender gesagt wird, mit seinen ganzen putzigen Aufzaehlungen (S.103-118) hat Schmidt aber da schon recht - wie viel wird wirklich ueber die Politik in Daenemark oder Kulturelles in Tschechien bekannt?- In Deutschland ist das Interesse an den Nachbarn tatsaechlich nicht so herausragend.
Gesamteindruck: Ein Buch, das tatsaechlich mehr von einem grossen Namen lebt. Es enthaelt einige interessante Stellen und wenig Neues, Schmidt praesentiert sich als Netzwerker und Machtmensch mit einem guten Sinn fuer Entwicklungen, aber auch als Mann der Wirtschaft- Globalisierungsgegner z.B. lehnt er rundheraus ab. Da scheint er einen besonderen Gegner gefunden zu haben, wie man an vielen Stellen im Buch lesen kann. Einen besonderen Ratgeber fuer angehende Politiker kann ich aber im Buch nicht wirklich erkennen.



5 von 5 Sternen Auch noch ausser Dienst dienen   Oktober 25, 2008
Detlef Ruesch (Freising, Bayern)
12 aus 14 fanden die folgende Rezension hilfreich

Helmut Schmidt ist ein umstrittener, diskussionsfreudiger und -anregender Mensch, wie man ihn sich insbesondere als Politiker heutzutage oefter wuenscht. Wer bis ins hohe Alter hinein derartig interessiert am oeffentlichen Leben bleibt, sich einmischt und immer wieder Bruecken zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schlagen vermag: dem gebuehrt an sich schon Respekt. Sein neues Buch unterstreicht seine Leistung und Haltung fuer den deutschen Staat wiedermal in besonderer Weise. Ihm gelingt es, in ausgesprochen deutlicher und verstaendlicher Sprache, Einschaetzungen zu den grossen und kleinen Themen in Deutshcland und der Welt abzugeben. Seine von Respekt gepraege Sprache erhaelt hier einen passenden Rahmen. Man hat als Leser das Gefuehl, als unterhalte man sich mit dem Altbundeskanzler. "Ausser Dienst" ist fuer dieses Werk auch der passende Titel; denn Helmut Schmidt hat in seinem Leben gezeigt, dass man auch ausserhalb des Dienstes dem Wohle des Volkes verpflichtet ist und ihm dienen kann. Ob nun in seinen politischen Aemtern oder als Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit": Helmut Schmidt war eigentlich nie "ausser Dienst". Sicher kann man ihm einzelne politische Entscheidungen vorwerfen und auch sein Zigarettenkonsum mag nicht immer auf Anerkennung stossen; dennoch gebuehrt seinem uebergreifenden Fach- und Allgemeinwissen und seine Einschaetzung moralischer Fragestellungen hoher Respekt. Fuer dieses Werk fehlt es stellenweise an tiefergehenderen Erlaeuterungen; doch schafft er es Weitblick in die politische Landschaft zu geben, die allzu oft von Schnellschuessen und demoskopischen Aspekten gepraegt ist.
Die Kapiteleinteilung selber (Erfahrungen veraendern Massstaebe, aus der Geschichte bzw. aus persoenlichen Erfahrungen lernen,die Welt vor neuen Herausforderungen, Deuschland muss sich aendern sowie Religion, Vernunft und Gewissen) laesst gut erkennen, welchen Gebieten Helmut Schmidt besonderes Augenmerk schenkt und welche er dem Politikernachwuchs und allen der Demokratie verpflichteten Menschen besonders ans Herz legt.
Die parteiuebergreifenden, langfristig orientierten, von enormen Wissen gespeisten Denkansaetze und -anstoesse von Helmut Schmidt - gepaart mit besonderer Charakterstaerke und Menschenfreundlichkeit - machen das Buch "Ausser Dienst" zu einem Vermaechtnis, zu einem Appell, im Wirken, Streben und besonderem Einsatz fuer die Demokratie und die Menschenrechte nicht nachzulassen; man hat Helmut Schmidt zu danken, dass er sich unermuedlich fuer ein soziales und demokratisches Deutschland, das eingebettet ist in einem europaeischen und globalen Netzwerk, eingesetzt hat. So heisst es fuer die Zukunft, die Bilanz "Ausser Dienst" genau zu studieren und Rueckschluesse fuer das private und oeffentliche Leben zu ziehen: denn Demokratie kennt kein "Ausser Dienst"!



1 von 5 Sternen Schwach   Oktober 20, 2008
frankfurtheinz
5 aus 34 fanden die folgende Rezension hilfreich

Zeitlicher Abstand und allseits unterstellte intellektuelle Brillanz haetten den Autor zu mehr befaehigen muessen als zu diesem schwachen Buch.
Jede visionaere, kritische oder auch provokante These sucht man vergebens. Zu sehr bleibt Schmidt einem hilflos wirkenden, oft als staatsmaennisch misdeuteten Pathos verhaftet. Allenfalls noch die aussenpolitischen Mahnungen und Anregungen geben - wenn schon nicht neu - kleinere Denkanstoesse.
Die Appelle an die Redlichkeit von Berufspolitikern wirken putzig. Die von blanker Unkenntnis oder zumindest grob veralteten Wissen verruehrenden Kommentare zu Wirtschafts- und Finanzfragen haetten ein sorgfaeltiges Fachlektorat so nicht passieren duerfen.



5 von 5 Sternen Pianist und Kanzler   Oktober 19, 2008
Peter August Bruns
10 aus 14 fanden die folgende Rezension hilfreich

Kanzler und Pianist
Den Wortbruch der FDP, erlebte ich noch mit heissem Herzen". Ich war 40 Jahre alt, als Helmut Schmidt als Bundeskanzler abgewaehlt wurde, durch ein konstruktives Misstrauensvotum, eine Verletzung unserer Verfassung" wie ich noch heute meine.
Viele FDP-Mitglieder und Waehler, erlebten den Bruch der Koalition, ausgeloest durch den Austritt von 4 Ministern, als schaendlich. Ich fand und finde diesen Wortbruch noch heute hinterhaeltig und er hat Europa geschadet. Die Wahlaussage der FDP lautete: Fuer die Regierung Schmidt-Genscher".
Die Reaktion von Frau Hamm-Bruecher bewundere ich bis heute. Das war eine Wende" laut neugewaehlter Kohl-Regierung in Koalition mit der FDP, der Partei der Verraeter. Fuer mich war das auch eine Wende in meinem Demokratie- und Politikverstaendnis.
Schon wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus der Politik, wurde Helmut Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT" und doch meinen ca 80% der Deutschen noch heute, er waere noch immer ideal als Kanzler - nur sein hohes Alter sei dem im Wege. Ich denke da anders. Es war zwar ein politischer Fehler, ihn so perfide aus dem Amt verjagt zu haben, aber 16 Jahre im Amt, wie sein Nachfolger Kohl, waere Deutschland auch nicht sehr dienlich gewesen. Kein Kanzler sollte laenger als hoechstens zehn Jahre amtieren.
Rueckblickend gewinnt seine Zeit in der Politik, den Charakter einer Epoche, die Deutschland veraendert hat. Wie er mal ueber seine Geburtsstadt Hamburg sinnierte: Erwache meine Schoene." Vom Innensenator (dem ich als 19jaehriger begegnete, damals nannte man sein Amt Polizeisenator") hiess es schon in Hamburg-Niendorf: Schmidt-Schnauze". Ich mochte diesen Ausdruck nicht, aber viele wehrten sich damit gegen seine, teilweise ruppige Art. Das brachte ihn den Ruf ein: in der falschen Partei zu sein. Das ist falsch. Denn es gibt keine richtige Partei fuer Schmidt.
Dass Helmut Schmidt wichtige Aemter innehatte ist jedem bekannt. Mit Pragmatismus und Selbstironie, schreibt er einleitend in seinem Buch Ausser Dienst: Wenn es um Prinzipien der Politik und der Moral geht oder um das eigene Gewissen, dann ist man niemals ausser Dienst." Helmut Schmidt ist noch immer gefragt - und er gibt noch immer, gerne auch, harsche Antworten. Zuweilen auch ebensolche Ratschlaege. Mit sich selbst scheint er ebenso streng: Gegen Ende des Lebens wollte ich einmal aufschreiben, was ich glaube, im Laufe der Jahrzehnte politisch gelernt zu haben. Denn vielleicht koennte doch einer von den Juengeren daraus einen Nutzen ziehen." Ein hoher Anspruch, aber oft gerechtfertigt. Den Nutzen den ich 2007 aus seinen Erkenntnissen zog, war, die SPD zu verlassen. Ich bin ebenso ausser Dienst" und doch noch politisch aktiv. Es gibt eine Welt ausserhalb der SPD. So habe ich seine Erkenntnisse interpretiert.
Helmut Schmidt hat kein rueckwaertsgewandtes Selbstportraet geschaffen, wie viele alternde Maenner sie veroeffentlichen. Helmut Schmidt schreibt gegenwaertig", offen und wach, mit klugem Blick fuer aktuelle Entwicklungen. Obwohl er oft lapidar, oder kokettierend, behauptet: Tagespolitik interessiere ihn nicht." Helmut Schmidt widmet sich fast allen Themen der Politik. Er tut dies mit grosser Klarheit und mit der Glaubwuerdigkeit und Autoritaet eines Menschen, der ueber 60 Jahre der SPD angehoert, die seinen Hintergrund ausmacht, auf dem er sein politisches Leben aufbaute. Weitgehend sozialdemokratisch gedacht und gehandelt hat er stets so, wie er Sozialdemokratie interpretierte. Auch wenn es bedeutete, von den eigenen Genossen oft nicht verstanden zu werden. Ich schliesse mich da nicht aus.
Helmut Schmidt ist auch in seinem neunten Jahrzehnt noch im Dienst". Das bewundere ich ohne Einschraenkung. Denn fuer ihn heisst das: dienen im Sinne von zum Nutzen aller zu handeln". Dabei haelt er ein engagiertes Plaedoyer fuer eine Erziehung zum eigenen kritischen Urteil, und als Kantianer fuer geistig ueberlebenswichtig, wenn er sagt: Es reicht nicht aus, die Nachwachsenden nur fuer einen Beruf auszubilden. Vielmehr sollten Ausbilder, Lehrer und Professoren, unabhaengig von ihrem Fach, immer wieder ein eigenes Beispiel dafuer geben, dass die Freiheit in einer offenen Gesellschaft jedem einzelnen grosse Urteils- und Handlungsspielraeume gewaehrt , dass es auf das eigene Urteil ankommt, dass es aber fuer jeden einzelnen wie fuer jede Gruppe moralische und rechtliche Grenzen gibt, die nicht ueberschritten werden duerfen."
Diese Forderung Helmut Schmidts bedeutet im Grunde, wuerde sie denn von seiner eigenen Partei verfolgt: mehr Lebensqualitaet, mehr Demokratie wagen" wie es ja schon einmal unter Willy Brandt auf den Weg gebracht wurde. Da gab es den zweiten Bildungsweg, keine Studiengebuehren, Eltern waren engagiert in politischen Gruppen und interessierten sich. Auch wenn es auch oft abfaellig hiess: Eltern sind Sozis, Grosseltern sind Sozis, Urgrosseltern waren Sozis. Sozis" taten etwas. Weil es politische Parteien gab, (gar noch Kommunisten!) die grundlegend andere Programme hatten. Fuer die Armen oder die Reichen, oder eben zwischen allen Stuehlen (FDP)
Heute gibt es keine Parteien im Sinne der Zwanziger- Fuenfziger- oder Siebziger-Jahre mehr. Diese geistige Faulheit und Feigheit (das geht ja gut zusammen) vernebelt unsere gesellschaftlichen Verhaeltnisse und zementiert sie zugleich. Das allerdings haben wir auch so effektiven Politikern wie Helmut Schmidt mit zu verdanken. Wenn auch ungewollt von ihm.
Die SPD ist eine Partei der modernen Beliebigkeit geworden. Eine Scheckkartenpartei, wie alle anderen. Nur sie hat etwas verloren, was andere Parteien nicht besassen: ihre Wurzeln. Iich nehme die Linke dabei nicht aus, obwohl diese momentan noch so tut, als waere sie fuer finanzielle Gerechtigkeit.
Aber ein anderer Hintergrund gehoert in das Bild, das wir uns von Helmut Schmidt machen sollten. Ein klar klingendes. Mit Justus Frantz, Christoph Eschenbach und Gerhard Oppitz, zusammen habe ich Helmut Schmidt musizieren gehoert. Die Bach-Klavierkonzerte. Vielleicht ist es typisch fuer Schmidt, gerade Bach zu spielen. Schmidt, der Staatsmann, der Mensch sagt, dass ihn die klaren Aussagen des Philosophen Mark Aurel mehr gepraegt haben als die Bibel. Das scheint mir wahr.
Schmidts hat sein Leben der Logik und der Ratio unterworfen. Ich gehe davon aus, dass ihn diese Art von Beherrschung nicht immer leicht gefallen ist, er sie aber mit zunehmendem Alter, immer besser zu beherrschen gelernt hat. Ein guter Grund fuer uns alle zu altern".
Johann Sebastian Bachs Kosmos, und der von Helmut Schmidt, ist die Verschmelzung der notwendigen Form mit der irdischen Verbundenheit. Die musische, klingende Charakterisierung Helmut Schmidts ist fuer mein Empfinden sein Freidenkertum mit seiner Bodenstaendigkeit. Man hat das Gefuehl, es erhebt seinen Geist in den Kosmos und bleibt doch mit beiden Fuessen auf Erden. Denn sein Handeln ist durch die Kriterien der rationalen Logik und dem humanistischen Willen bestimmt, zu versuchen unser Leben auf der Welt ertraeglich zu machen. Keine Partei ist dafuer geschaffen, das muss ein jeder von uns selbst. Helmut Schmidt warnt vor dem Verlust des Hoerens (von dem er betroffen ist, scheinbar nur physisch) einer ganzen Generation und damit soll er, was er gern hat, das (vorlaeufig) letzte Wort haben: Ohne Musik waere mein Leben ganz anders verlaufen. Es ist wichtig, sich mit der Musik auseinanderzusetzen, um die Welt nicht nur als Laerm wahrzunehmen."

PS. Bei der Formulierung der Rezension, habe ich mich von der Pressemitteilung zur CD+DVD-Edition der Deutschen Grammophon GmbH Universal Classics&Jazz inspirieren lassen.
Peter A. Bruns