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Staendige Veraenderung Dezember 4, 2008 Horst Werner Bis auf den Titel und Untertitel ist dies ein bemerkenswert interessantes und offen geschriebenes Buch. Prechts Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, an seine Eltern, die Geschwister sind auch eine Erinnerung an die siebziger Jahre. Dieses Jahrzehnt begann hoffnungsvoll, war zunaechst gepraegt von Aufbruchstimmung und dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit und Humanitaet. Zum Ende hin ist die "vorrevolutionaere Zeit" von 1977 vorbei, die Gruenen formieren sich und politisch geht es nun um Oekologie und die Friedensfrage. Die Globalisierung und auch ein gewisser Niedergang kuendigen sich an. Anfangs des neuen Jahrhunderts stellt der Autor fest, dass der Zustand der Strassen schlechter wird, seine Heimatstadt hat kein Geld mehr und die Kanalisation ist an einen US-Konzern verpachtet, fuer die naechsten hundert Jahre. Heute sind diese hundert Jahre quasi schon vorbei, der US-Konzern wird Heuschrecke genannt und ist pleite. Jedenfalls wurden die Hoffnungen auf eine bluehende, bunte, freie und soziale Republik begraben und werden heute von interessierter Seite nur noch als rueckwaertsgewandt interpretiert. Und links zu sein, so schreibt Precht, ist heute das Gefuehl, definitiv nicht rechts zu sein. Die Probleme, denen sich die Bewegung von 68 stellte sind immer noch praesent. So leiden 840 000 000 Menschen in der Welt Hunger, etwa 6 Millionen Kinder unter fuenf Jahren sterben Jahr fuer Jahr an Unterernaehrung. Vielleicht, so fragt der Autor, ist es von Vorteil, dass in Deutschland heute mehr gefragt als vorschnell geantwortet wird. Andererseits muss man auch fragen, wer gibt denn die Antworten und wie ist es mit der Verantwortung um ein gutes Wirtschaften und eine funktionierende Demokratie bestellt. Precht nennt die erfolgreichen Veteranen von 68 muede und konzeptionslos. Den Wandel, den diese Leute mitgemacht haben, beschreibt er nicht und auch nicht die Widerstaende, an denen sich viele die Zaehne ausgebissen haben. Dieses Buch ist kein wirklich politisches Buch; es erzaehlt detailreich ueber eine spezifische politische Sozialisation und ein Aufwachsen in einer netten, linken Familie. Von guten, hilfsbereiten Menschen mit menschlichen Schwaechen. Und heute, so stelle ich nicht besonders verwundert fest, weht schon wieder ein anderer Wind, als im Sommer 2005, als dieses Buch zu Papier gebracht wurde. Man kann sich also auf eines verlassen: alles aendert sich unaufhoerlich.
Super....und doch bleiben Fragen offen! September 24, 2008 Bergstroem (Muenchen) 1 aus 1 fanden die folgende Rezension hilfreich
ich teile die Meinung meiner Vorschreiber in beinahe allen Punkten. Und doch moechte ich zwei Ergaenzungen beitragen. Fuer mich kommt der Punkt Pubertaet ein wenig zu kurz. Precht schreibt hierzu lapidar: ...fand einfach nicht statt. Gerade diese Umstaende schreien doch geradezu nach Widerstand gegen die Eltern. Wenn ich mir vorstelle: Alle fahren in das Phantasialand, Bruehl und Prechts duerfen nicht mit; gehen stattdessen zum Unterricht in die Paralellklasse. Ich haette getobt. Er nimmt es einfach hin. Schwer, wirklich sehr schwer nachvollziehbar. Im Uebrigen hat mich das Buch ein wenig traurig zurueckgelassen. Es kommt fuer mich so rueber als waeren Prechts Eltern von der Realitaet schliesslich rechts und links ueberholt worden. Schade fuer Menschen, die derart engagiert fuer Ihre Ideale, was immer man davon halten mag, eingetreten sind. Ich bin zur selben Zeit aufgewachsen und dieses Buch hat mich sehr aufgewuehlt. Es wird mich noch eine Weile beschaeftigen. Danke!
Bei den Sponits nichts neues August 17, 2008 W. Petersen 4 aus 21 fanden die folgende Rezension hilfreich
Vorneweg: Der Autor ist Publizist; also kann er schreiben. Und recherchieren kann er auch. Was er nicht kann, ist dem Leser nachvollziehbar zu erklaeren, warum seine Mutter die Familie erlassen hat und warum die Grossmutter Selbstmord beging. Zur linksalternativen Szene gibt es ueber die Aufzaehlung verdienter Solinger Kommunisten hinaus nichts neues zu erfahren. Neben schoenen oder verstoerenden Kindheits- und Jugenderinnerungen bleibt nur das vage Gefuehl, dass die Luegengebaeude in Familien aller Couleur auf dem gleichen Bauplan beruhen.
Sensationell, nur das trifft es. August 4, 2008 Tanja Hiller (Schleswig-Holstein) 8 aus 11 fanden die folgende Rezension hilfreich
Wenn ein Buch mich durch Inhalt UND Sprache zu 100% beruehrt, umwirft, staunen laesst, wird es mein `Jahreslieblingsbuch` und in den kommenden 12 Monaten jedem meiner geburtstagenden Freunde und Bekannten geschenkt. 2008 ist es dieses Buch. Voellig konkurrenzlos. Besonders beeindruckt hat mich, wie viele Emotionen der Autor aus seiner Kindheit erinnert. Und wie viele Alltagsdetails ihm im Gedaechtnis geblieben sind. LESEN, LESEN, unbedingt LESEN!
Wie von einem anderen Stern - und doch nebenan. September 30, 2007 Zabou1964 (Krefeld) 73 aus 74 fanden die folgende Rezension hilfreich
Richard David Precht ist im selben Jahr wie ich geboren. Er wuchs in Solingen auf, das nicht weit von Krefeld, meinem Heimatort, entfernt liegt. Und doch scheint es mir, als sei er auf einem anderen Stern aufgewachsen. Seine Eltern sind stark links orientiert, meine Eltern waren eher konservativ. Natuerlich habe ich die meisten Sachen, die er beschreibt, auch mitbekommen, aber aus einem ganz anderen Blickwinkel. Und genau das hat das Buch fuer mich ausserordentlich interessant gemacht. Precht beschreibt das Leben in seiner Familie im beschaulichen Solingen. Der Vater arbeitet als Designer, die Mutter kuemmert sich um drei eigene Kinder und zwei aus Vietnam adoptierte. Die Eltern gehoeren zur linken Szene und leben vollkommen anders: Die Kinder wachsen mehr oder weniger frei auf. Sie duerfen sich schmutzig machen, muessen ihre Zimmer nicht aufraeumen, etc. Aber: Sie duerfen nichts "konsumieren", was irgendwie kapitalistisch ist (also keine Cola, keine Micky Mouse, nicht mal Astrid Lindgren). Precht beschreibt dies alles ausserordentlich interessant, mal humorvoll, mal nachdenklich. Er beschreibt die politischen Hintergruende so, dass sie nie langweilig werden. Der Vietnamkrieg, Terre des Hommes, die 68er Revolution und auch der Deutsche Herbst (Baader-Meinhoff) werden so erklaert, dass ich alles, was in meinem wohlbehueteten Elternhaus an mir vorueber rauschte, nachleben konnte. Dieses Buch ist keine leichte Lektuere, ich habe oft innegehalten und nachgedacht. Und gerade deshalb kann ich es nur empfehlen.
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